Hiermit erteile ich dir meine Erlaubnis.

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Hiermit erteile ich dir meine Erlaubnis.

Die Leiterin des Meditationsretreats stellte Anfang der Woche einige Regeln klar. Nicht nur die für den Umgang miteinander in der Gruppe, sondern auch für den Umgang mit sich selbst. Wenn dir nach meditieren ist, dann meditiere. Wenn dir danach ist, am Strand zu liegen oder zu segeln, dann tue das. Wenn dir danach ist, einen Mittagsschlaf zu halten, dann halte Mittagsschlaf. Kurz: Dein Körper wird dir sagen, was er braucht.


Und ich, ich brauchte die Erlaubnis auf ihn zu hören. Nach dem typisch griechischen Mittagessen und spannenden Gesprächen mit den anderen ging ich allein zu meiner Wohnung zurück. Und spürte, wie müde ich auf einmal war. Eigentlich müsste ich ja schreiben. Eigentlich müsste ich meine Teetasse spülen. Eigentlich müsste ich irgendetwas unternehmen, schließllich war ich hier zum ersten Mal auf dieser Insel. Aber ich tat, was sich sehr, sehr verwegen anfühlte: Ich legte mich ins Bett und schlief. Einfach so. Weil Kim es mir erlaubt hatte.


Wenn du also, inmitten deines Alltagsstresses, nur eine Erlaubnis brauchst, endlich mal abzuschalten oder auf dein Herz zu hören, dann kommt sie jetzt hier. Von mir. Für dich. (Ich bin nämlich jetzt ausgeschlafen.)


Hiermit erteile ich dir die Erlaubnis, zu schlafen, wenn du müde bist.

Hiermit erteile ich dir die Erlaubnis, nicht zu lachen, wenn dein Gegenüber einen lahmen Witz macht.

Hiermit erteile ich dir die Erlaubnis, zu weinen, wenn du traurig bist (auch im Supermarkt, auch vor deinen Kindern).

Hiermit erteile ich dir die Erlaubnis, deine Lieblingsserie in vollen Zügen und ohne Schuldgefühle zu genießen.

Hiermit erteile ich dir die Erlaubnis, deine Wut zu zeigen, auch wenn das vielleicht andere schocken mag.

Hiermit erteile ich dir die Erlaubnis, zu spielen, was auch immer dir Freude bereitet.

Hiermit erteile ich dir die Erlaubnis, ganz andere Dinge gut zu finden als deine beste Freundin.

Hiermit erteile ich dir die Erlaubnis, nicht die Gleiche zu sein wie vor einem Jahr.

Hiermit erteile ich dir die Erlaubnis, dich zu verlieben (in Menschen, Berge, Bäume und Länder).

Hiermit erteile ich dir die Erlaubnis, alte Gefühle und Gedanken einfach loszulassen.

Hiermit erteile ich dir die Erlaubnis, immer neue Ideen zu haben.

Hiermit erteile ich dir die Erlaubnis, nichts zu tun.


Wie fühlt sich das an?

Schreib mir in den Kommentaren, was du mit meiner Erlaubnis gemacht hast! Ich freue mich, falls ich zu einer höheren Mittagsschlafrate auf der Welt beitragen konnte …

Alles Liebe, deine Judith


PS: Manchmal ist auch die Schreibblockade nur da, weil man sich etwas ganz Bestimmtes nicht erlaubt, oder eine gewisse Erwartung an sich stellt, die man nicht erfüllen kann. In meiner Intensivstunde Transform your Text können wir gemeinsam recht schnell der Sache auf den Grund gehen. Buche mich jetzt, solange noch Slots frei sind. Vielleicht brauchst du nur meine Erlaubnis …?

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Welchen Satz du sofort aus deinem Reprertoire streichen solltest, wenn du vorankommen möchtest.

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Welchen Satz du sofort aus deinem Reprertoire streichen solltest, wenn du vorankommen möchtest.

Ich lerne unheimlich gern. Wenn ich mich für ein Thema interessiere, dann lese ich haufenweise Bücher, belege Kurse oder schaue YouTube-Videos. Als Werbetexterin war das eine sehr gute Eigenschaft - ich musste in unterschiedlichste Bereiche tief und schnell einsteigen und durfte das Wissen dann auf kreative, überraschende Weise wiedergeben. Für das Romaneschreiben darf ich diese Neigung auch nutzen. (Den Wachmann in der Pinakothek der Moderne über die Sicherheitssysteme ausfragen oder in Berlin durch den Zoo streifen - hey, ist alles Recherche!) Menschen wie mich bezeichnet man auch als "scanner", weil sie ein so breitgefächertes Interessensgebiet haben. Meine Freundin nennt micht einfach Schlaubi-Schlumpf.


Gerade sitze ich auf einer griechischen Insel und nehme an einem Meditations-Retreat teil. Ich beschäftige mich schon seit einer Weile mit Meditation und ratet mal - genau. Ich habe viele Bücher darüber gelesen und ein paar YouTube-Videos dazu angesehen. Ich kenne einige der berühmten Zitate, die meine Lehrerin weitergibt. Ich weiß, wie ich am besten sitzen sollte, ich weiß, wie ich meine Aufmerksamkeit lenke, ich weiß, was ich tun muss, wenn ich einen Gedanken verfolgt habe und wieder sanft zurückkommen soll. Ich weiß auch schon, dass ich - innerlich und heimlich - immer eine besonders gute Schülerin sein will (hallo, ihr alten Themen, die ihr bei der Meditation hochkommt, aber das ist ein Thema für einen ganz anderen Blogbeitrag).


Also mache ich mir, hier und heute, ein ganz besonderes Geschenk: Ich streiche den Satz "weiß ich schon" aus meinem Repertoire. Ja, Kim erwähnt manchmal Zitate, die ich schon kenne. Aber die anderen Gedankenanstöße, die sie für uns hat, die anderen Sichtweisen, die andere Meinung darüber, wie etwas sein sollte oder auch nicht, die drehen bei mir alles um 180 Grad weiter. Weil ich das zulasse. Weil ich mich dafür öffne, dass ich vielleicht doch nicht alles weiß. Und siehe da, ich habe alle zehn Minuten in ihrem Kurs das Gefühl, dass ich einen weiteren Erkenntnisdurchbruch erlebe. Einen Aha-Moment am anderen. Eine echte Weiterentwicklung durchmache.


"Weiß ich schon" macht alle Türen zu. "Weiß ich schon" will sich vor alle anderen setzen. "Weiß ich schon" erstickt jede fließende Bewegung im Keim. Im Buddhismus kennt man den Ausdruck "beginner's mind" - komme in jede Situation mit einer "Anfängereinstellung". Kim sagt dazu einfach: "Sei neugierig. Bleib neugierig." Egal, ob beim Meditieren Wut hochkommt oder Trauer, ob jemand versucht, seinen Geist zu leeren (das soll man gar nicht!) oder ob einen plötzlich alles juckt, schmerzt, ziept und kratzt am Körper. Versuche nicht, es wegzudrücken. Versuche nicht, eine Lösung zu finden. (Versuche auch nicht, dich zu kratzen.) Versuche es mit Neugier: Aha, da kommt also Wut. Aha, hier juckt es mich also. Aha, ich sage zu allem "weiß ich schon".


In den letzten beiden Tagen hier in Griechenland habe ich von Kims einfachen Erklärungen mehr gelernt als aus den letzten vier Büchern. Weil ich offen dafür war. Weil ich mich mit einem beginner's mind auf das Meditationskissen niedergelassen habe. Wenn ich zurück nach Deutschland fliege, ist mein Gepäck auf jeden Fall um einiges leichter. Ein paar alte Gedanken und Einstellungen lasse ich hier am Meer zurück.

In welchen Situationen denkst du zu oft "weiß ich schon"? Wo würdest du Quantensprünge erleben, wenn du dir erlauben würdest, gedanklich wieder ein Anfänger zu sein? Ich bin so gespannt, in welcher Situation ich das zuhause anwenden darf (auch wenn ich sehr gern der Schlaubi-Schlumpf für meine Freundin bin)!


Schreib mir in die Kommentare, ob du solch ein "weiß ich schon" hast oder einen anderen Satz! Alles Liebe aus Griechenland, deine Judith


PS. Wenn du bei Buchprojekt oder einem anderen kreativen Prozess auch weiterkommen möchtest, aber nicht so recht weißt, wie (die berühmte Wand, vor die wir alle laufen), kann ich dir helfen. Mit meiner Intensivstunde "Transform your text" bekommst du eine geballte Ladung Wissen & Liebe, die dich und dein Projekt auf das nächste Level heben. Ich freue mich auf dich!

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Ich kann gerade nicht! Was du tun kannst, wenn du gerade eigentlich gar nicht kreativ sein kannst

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Ich kann gerade nicht! Was du tun kannst, wenn du gerade eigentlich gar nicht kreativ sein kannst

Diese Zeilen schreibe ich dir an einem dieser Tage. An einem dieser Tage, an dem die Absage in deinem Postfach lag. An dem es genau einen Monat her ist, dass dein Hund gestorben ist. An dem du auf dem Beipackzettel nachlesen musst, ob du noch eine weitere Schmerztablette einnehmen darfst, damit du funktionieren kannst. Oder an dem es dir schwerfällt, Facebook oder Instagram zu schließen.

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Die Konmari-Methode funktioniert bei mir nicht (und warum ich dafür dankbar bin)

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Die Konmari-Methode funktioniert bei mir nicht (und warum ich dafür dankbar bin)

Ich stecke noch mitten drin: im Ausmisten. Und das, wenn ich ehrlich bin, schon seit Jahren. Aus verschiedenen Gründen (Kinder, Job, Trennung – das Leben eben) konnte ich die Konmari-Methode nicht anwenden, die besagt, dass man ein für alle mal, alles auf einmal, ausmisten soll. Und dass man dann nie wieder aufräumen muss.

 

Meine Konmari-App versucht mich immer wieder mit warnenden, roten Ziffern daran zu erinnern, dass ich noch nicht fertig bin, und die Liste, auf der ich abhaken kann, welche Kategorie bereits erledigt ist, habe ich – ja, genau, richtig geraten – ausgemistet. Irgendwo mitten in den Komono (der Kategorie für Verschiedene Dinge) habe ich die Dinge einfach Dinge sein lassen. Und mich meinen Kindern, meinem Job, meiner Trennung, meinem Leben gewidmet.

 

Ich könnte jetzt behaupten, dass die Methode nicht funktioniert. Weil sogar bei den Kategorien, die ich erfolgreich bearbeitet habe – meinen Kleiderschrank etwa – auch dort wieder Unordnung einzieht. Nicht viel zwar, und sie ist leichter zu beheben. Ich weiß inzwischen genauer, was ich überhaupt kaufen möchte, was ich kombinieren kann, was wo seinen Platz bekommt. Ich könnte jetzt auch behaupten, dass ich gescheitert bin – das tue ich natürlich nicht. Oder dass die Methode wenig lebensnah ist, wenn man nicht drei Monate frei nehmen kann nur fürs Aufräumen.

 

Ich bin aber ganz froh, dass die Konmari-Methode bei mir nicht so ganz funktioniert. Gestern habe ich bei meiner Tasse Tee auf den Haufen Plüschtiere, der sich immer wieder wie von Geisterhand neben dem Sofa bildet, gestarrt – und mich plötzlich gefreut. In meinem Wohnzimmer wird es nie perfekt aussehen. Man wird immer erkennen, dass hier Kinder leben, die sagen wir mal, eine andere Auffassung vom Aufräumen haben als ich. Man wird sehen, dass ich die schrumpelige Avocado noch nicht weggeworfen habe, weil ich an meinem Laptop sitze und mein Buch schreibe (und darüber alles Weltliche manchmal vergesse). Man wird sich an dem Stapel „die-wollte-ich-noch-lesen“-Zeitschriften vorbeischieben müssen. (Ich liebe Zeitschriften!)

 

Es geht hier nicht um so etwas wie: Hier sieht man das echte, pralle Leben. (Natürlich sieht man das.) Sondern darum, dass ich mich entspannen darf.

 

Kleiner Reminder: Es sieht hier nicht aus wie in einem Instagram-Feed. Wie in einem Coffeetable-Magazin. Wie auf einem Pinterest-Board. Denn die sind nicht echt, soll heißen: nicht umsetzbar. Also versuche es erst gar nicht. Du kannst dir Elemente davon in dein Leben einbauen, aber perfekt wird es nicht. Perfekt gibt es nicht. Schreibst du dir das hinter die Ohren und in dein Herz? Perfekt, das gibt es gar nicht.

 

Ich darf mich entspannen, weil mir wieder einfällt, dass ich ja nicht gescheitert bin. Dass ich, nur für einen Moment, dem Perfektionismus hinterhergehechelt bin und mal wieder gemerkt habe, dass das anstrengend, herzleerend und unerreichbar ist. Und dass ich das einfach sein lassen darf. Loslassen darf. Diesen Gedanken ausmisten darf. Macht er dir Freude? Nein. Kann weg. Dankeschön und tschüss.

 

Hier ist, warum es so wichtig ist, dass ich niemals „fertig“ sein werde damit, meine Wohnung und mein Leben aufzuräumen: Weil es dieses Fertig nicht gibt. Den Stillstand. Den perfekten Zustand. Das ultimative Wenn-Dann, das uns eine Zukunft wie eine Möhre vor die Nase hält.

 

Ich werde mich weiterentwickeln und dabei Fehler machen. Ich werde den Plüschtierberg aufräumen und ihn am nächsten Morgen wiederfinden. Ich werde Gemüse vergessen (sorry, Avocado) und dabei ein neues Kapitel schreiben (das ich manchmal sogar wieder wegwerfen muss). Ich werde immer besser werden – im Aufräumen, im Schreiben, im Leben – ohne dass ich jemals fertig, perfekt, angekommen sein werde. Danke, dass du mich immer wieder daran erinnerst, liebes Chaos. Denn nur so kann ich das Hier und Jetzt, zwischen Teddybär und Filzmonster, wirklich erleben und wirklich genießen.

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Zeigt Euren Kampf und Euer Lachen

Zeigt Euren Kampf und Euer Lachen

Solidarität unter Frauen, Müttern, Kolleginnen, Autorinnen … Was ich darüber denke.

"Ich sehe, wie ihr kämpft und dabei nicht immer gut ausseht. Ich sehe, wie ihr auch mal eine falsche Entscheidung trefft. Ich sehe, wie ihr in euren eigenen Ängsten gefangen seid. Ich sehe, dass ihr zu viel auf euer Handy starrt, aber auch, wie ihr dann mit nur einer WhatsApp jemand anderen zum Lächeln bringt."

In ganzer Länge auf EditionF:

https://editionf.com/Solidaritaet-unter-Frauen-Hell-yeah

Wie mir mein Hund Gelassenheit beibringt

Wie mir mein Hund Gelassenheit beibringt

Natürlich gehört zum Autorenleben auch ein Hund. (Ja, gut, oder eine Katze. Oder der Wunsch nach einem Hund.)

Wenn meine Hündin nicht gerade meinen Schreibtischstuhl besetzt oder mich auf andere Art an eine Schreibpause erinnert, lerne ich viel von ihr. Dass ich nicht alles verstehen muss. Dass ich mich schützen muss, wenn ich mich verletzlich fühle. Über dies und mehr hier:

Erschienen bei EditionF:

https://editionf.com/Wie-mir-mein-Hund-Gelassenheit-beibringt

 Zen in der Kunst des Mutterseins

Zen in der Kunst des Mutterseins

Über Wutanfälle und einen Wackelzahn, über Japan und das, was mich beschäftigt, wenn ich nicht gerade einen Roman schreibe:

 

"Was, wenn ich mal nicht versuche, das Problem zu lösen?
Was, wenn ich die Dinge, die mir passieren, mit einem „japanischen“ Blick betrachte? Was, wenn ich mitten im nächsten Alltagschaos mal nicht versuche, das Problem zu lösen, mich selbst als Mutter zu optimieren, die richtigen Dinge zu tun, damit meine Kinder glücklich werden? Was, wenn ich das Muttersein studiere? Wenn ich mich auf dem Weg befinde?"

Erschienen bei EditionF:

https://editionf.com/Zen-in-der-Kunst-eine-Mutter-zu-sein

“FELIX” IM DEUTSCHLANDRADIO

“FELIX” IM DEUTSCHLANDRADIO

Ulrich Straub vom Bunten Bücherladen hat im September unter anderem den “Felix” als Lektüretipp auf Deutschlandradio Kultur empfohlen. Er bezeichnete meinen Roman als “gehobenen, witzigen Unterhaltungsroman”, “sprachlich wunderschön”. Herzlichen Dank!

Hier kann man den Beitrag anhören.

Ich habe kurz vor der Ausstrahlung den Hinweis über meinen Verlag erhalten und wollte unbedingt die Empfehlung “live” hören. Also musste ich im Urlaub ein Café mit WLAN finden und saß dann mit Handy und Kopfhörern vor einem zweiten Frühstück an meinem Tischchen …

		 "Das hat er nicht von mir!" GLÜCK IST ERBLICH.

"Das hat er nicht von mir!" GLÜCK IST ERBLICH.

Mein Sohn ist ein ausgesprochener Sonnenschein. Er wacht morgens bereits mit einem Lächeln auf. Das hat er nicht von mir - ich gehöre in die Kategorie „Morgenmuffel“. Ich habe zwar gelernt, das nicht an anderen auszulassen, aber trotzdem ist es mir lieber, wenn man morgens um 6 Uhr nicht allzu viel von mir möchte …

Den Rest des Tages bin ich aber glücklich und zufrieden. Und das hat mein Sohn vielleicht ja doch von mir. Denn während der Recherche zu „Felix oder Zehn Dinge, die ich an dir liebe“ bin ich auf Studien gestoßen, die belegen (wollen), dass Glück „erblich“ ist. (Ich habe mich zuerst mal bei meinem Eltern bedankt … Nein, nein, so einfach ist es natürlich nicht.)

„Glück“ heißt hier: die zufriedene Grundeinstellung, auf die man sich immer wieder einpendelt. Bei meiner Recherche hatte ich mir ein schönes Zitat aufgeschrieben, das damals ideal auf den „Felix“ zu passen schien (ich weiß noch genau, wie ich in der Stadtbibliothek in München saß und mir das abschrieb):

„[…] die stabile Komponente Wohlbefinden sei zu 80% genetisch fixiert, so dass das Streben eines Menschen, glücklicher zu werden, ebenso vergeblich sei, wie 10 cm wachsen zu wollen.“

So fasst Anton Buchner in „Psychologie des Glücks“ (Beltz 2009) die Aussagen zusammen, die Lykken & Tellegen 1996 als Fazit ihrer Studie („Happiness is a Stochastic Phenomenon") an Zwillingspaaren zogen. Für meinen Roman schien das perfekt: Felix will sich unglücklich machen, aber es gelingt ihm leider nicht so recht. Denn auch das Streben, unglücklicher zu werden, wäre in dem Fall ja vergeblich!

Letztendlich hat es dieses Zitat nicht in den Roman geschafft, aber das ist bei der Recherche ganz oft so: Das, was der Leser in den Händen hält, ist nur die Spitze des Eisbergs. Alles darunter ist notwendig, aber nicht sichtbar.

Und das Glück? Nun ja: Ungefähr ein Drittel machen die Gene aus. Das ist weniger als 80%, aber die Forschung zu einer gewissen grundlegenden Glücksdisposition und die daraus folgenden Schlüsse bleiben interessant. „The Economist“ berichtete in einem Artikel („Transporter of Delight“, 15. Oktober 2011) über aktuelle Studien, die Gene für die persönliche Zufriedenheit identifiziert haben (etwa die Studie „Genes, Economics and Happiness”). Der Rest ist von äußeren Faktoren abhängig. Auch wenn man nicht 10 cm wachsen kann, so kann man sich doch vielleicht recken und strecken …

Nicht neu, aber sehr zu empfehlen ist, ganz klar, manchmal innezuhalten und überhaupt zu merken, dass man gerade einen glücklichen Moment erlebt. Das fördert die innere Zufriedenheit enorm. Innehalten und achtsam sein. Zum Beispiel, wenn man bereits morgens um 6 Uhr von seinem Sohn angelächelt wird.

VON DER KUNST ZU WARTEN

VON DER KUNST ZU WARTEN

… und was das mit dem Schreiben zu tun hat

Vor wenigen Tagen benötigte ich dringend einen kurzfristigen Arzttermin. Die Sprechstundenhilfe sagte mir, dass so schnell leider nichts zu machen sei. Erst in 30 Minuten hätte sie etwas frei. Ich lachte und erklärte ihr, dass 30 Minuten durchaus als „schnell“ durchgehen.

Schnell und langsam – unser Verständnis davon hat sich sehr geändert. Keine Frage: In Zeiten, in denen ich meinen Wunsch nach einem guten Buch mit einem Klick sofort erfüllen kann, ist das Warten darauf, dass ich das nächste Mal bei meiner Lieblingsbuchhandlung vorbeigehen kann, doof – oder nicht? Oder ist es doch eher Vorfreude?

Was bringt warten denn noch, wenn ich es doch nicht mehr muss? Beim Schreiben bringt es durchaus etwas. Warten, bis aus den Themen, die man wälzt, aus den Ideen, die man sammelt, etwas entsteht. Natalie Goldberg nennt das die Blüte, die plötzlich aus dem Komposthaufen wächst. Auch wenn man während dieser Form des Wartens nicht untätig ist, sondern ständig weitersammelt und -schreibt.

Warten hilft auch, wenn die Idee dann da ist. In dieser Phase befinde ich mich gerade mit meinem aktuellen Projekt. Ist diese Idee auch wirklich gut? Trägt sie über lange Strecken hinweg? Entwickeln sich daraus interessante Figuren, schlüssige Handlungsstränge, spannende Szenen? Oder liebe ich diese Idee nur, weil sie neu ist? In diesem Zustand des Frisch-Verliebtseins darf ich alles notieren und willkommen heißen, was mit der Idee zu tun hat. Trotzdem schubse ich sie immer wieder auf die Wartebank. Mal sehen, ob ich in einem Monat immer noch so begeistert bin. Mal sehen, ob die Idee zu einer Geschichte reifen kann. Mal sehen, ob meine Notizen, nachdem der erste Rausch verflogen ist, noch Sinn machen.

Im Spiegel 2/5.1.2015 wird berichtet, wie Ian McEwan seine Romane schreibt.

„Von der ersten Seite an ist deutlich zu spüren, dass der Autor genau weiß, wohin er mit dieser Geschichte steuert. Doch beim Schreiben lässt er sich Zeit; bevor er mit einem neuen Roman beginnt, zögert McEwan lang. Dieses Zögern ist wesentlich für seine Arbeit. „Ich mache Notizen, ich probiere einzelne Absätze aus, ich überprüfe, ob das, was im April interessant war, auch im September noch taugt, und ob es mich in unterschiedlichen Stimmungen interessiert.““

In diesem Sinne ist warten doch essentiell für den Schreibprozess. Und das nächste Mal, wenn es beim Arzt nicht „schnell“ geht, sondern ich mehrere Stunden im Wartezimmer verbringe, könnte ich meine Notizbücher durchgehen und überlegen, ob meine Idee dann schon die Wartebank verlassen darf.